Fotobuch öffnet Tür zur Vergangenheit

850 Jahre Hambach: Tom Mayer aus Seaford, New York, entdeckt Geburtshaus seiner Ururgroßmutter Elisabeth Neher (von Sigrid Jahn)

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Foto von Elisabeth Nehers Geburtshaus in Hambach, aufgenommen von Katherine Neher, 1923 oder 1926. Foto: Privat

HAMBACH (jn). Christoph Rau staunte nicht schlecht, als ihm eine Mail aus Amerika in seinen elektronischen Postkasten flatterte. Verfasst hatte sie Tom Mayer aus Seaford im Bundesstaat New York, ein US-Bürger mit deutschen Wurzeln, der sich regelmäßig ins Internet begibt, um den Familienstammbaum zu komplettieren.  Als er dort auf die Online-Variante des Fotobuchs “850 Jahre Hambach – Spuren der Vergangenheit” gestoßen war, das Rau und Verleger Gerd Ohlhauser im Jubiläumsjahr 2015 herausgebracht hatten, entdeckte er beim Blättern in den Aufnahmen ein Bild, das ihn elektrisierte: das so genannte “Schlangenhaus” im Hambacher Tal 50, Wohnsitz der Familie Neher  – dasselbe Gebäude, das seine Großtante Katherine Mayer bei einem ihrer Besuche  in Hambach im Jahr 1923 oder 1926 abgelichtet hatte. Das Foto befindet sich seitdem im Familienbesitz; mitsamt einer handschriftlichen Notiz auf der Rückseite, die direkt zu Tom Mayers Ururgroßmutter führt: “Hier”, schrieb Katherine Mayer, ” wurde meine Großmutter Elisabeth Neher 1847 geboren.”

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Tom Mayers Ururgroßmutter Elisabeth Neher mit ihren Kindern Martin und Katherine (vorn) und Freundinnen, aufgenommen im Jahr 1905 in New York. Foto: Privat

Tom Mayer hat anhand der Heppenheimer Sippenbücher, die ihm Manfred Bräuer zur Verfügung gestellt hatte, die Genealogie seiner deutschen Vorfahren bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgt und aus weiteren  Quellen in New York Belege gefunden für den Neustart der Familie in Amerika.

Elisabeths Vater Martin Neher war als erster ausgewandert, das genaue Datum kennt Tom Mayer nicht, aber es muss irgendwann nach dem Tod von Nehers Ehefrau Anna Maria Mitsch im Jahr 1854 gewesen sein. Martin Neher heiratete ein zweites Mal, hatte zwei weitere Töchter und starb schon 1860 in New York City. Alle fünf Kinder aus der ersten Ehe waren zu dem Zeitpunkt bereits selbst emigriert, sowohl Johann als auch Catharina und Martin jun., den es noch ein Stückchen weiter zog, ins nordamerikanische Nachbarland. Er starb 1907 in Montreal, Quebec: “Hambacher Abkömmlinge gibt es sogar in Kanada”, hat Tom Mayer festgestellt.

Elisabeth, ihre Schwester Emma und Franz Neher, ein Cousin und Sohn von Adam Neher, landeten am 12. Oktober 1857 in der Neuen Welt – Franz, der Älteste des Trios, war 17, Eva  13 und Elisabeth erst zehn Jahre alt. Zwölf Jahre später, am 20. Juni 1869, sorgte sie dafür, dass sich der Mayer-Clan mit den Hambachern verbandelte:  Sie heiratete Toms Ururgroßvater Johannes Mayer aus Zeilhard/Hessen in der deutschen evangelischen Kirche in New York, Ecke Madison und Montgomery Street; ihr älterer Bruder Martin war als Trauzeuge extra aus Kanada herübergekommen.

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Heiratsurkunde von Elisabeth Neher und John Mayer, 20. Juni 1869 in New York. Foto: Privat

Kennengelernt hatte sich das Paar in “Little Germany”, dem vorwiegend von deutschen Immigranten bewohnten Viertel in der Lower East Side. Sie waren Nachbarskinder und erlebten in “Kleindeutschland” den gewaltigen Einwandererzustrom aus der alten Heimat im 19. Jahrhundert. Viele Neuankömmlinge hatten Kapital und Fachkenntnisse, so dass sie mit einem Handwerk ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten: 1855 waren mehr als die Hälfte der New Yorker Bäcker, Tischler, Schlosser, Schuster und Schneider gebürtige Deutsche.

Auch Tom Mayers Vorfahren aus Hambach fanden rasch ihr Auskommen: Franz Neher, Elisabeth Nehers Cousin, baute sich ein sehr erfolgreiches Zigarrengeschäft in exklusiven Upper Manhattan auf. Johannes Mayer zapfte als Barkeeper Bier im Lokal seines Schwagers Johann Neher, er starb allerdings schon mit 29 Jahren an Tuberkulose, als seine Frau mit dem dritten Kind schwanger war. Elisabeth heiratete später noch zweimal, hatte insgesamt fünf Kinder, von denen sie aber nur eins überlebte. Sie starb 1941, mit 93 Jahren, in Brooklyn.

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Susan und Tom Mayer mit Schäferhund Otto, neun Jahre alt, vor ihrem Haus in Seaford auf Long Island, New York. Foto: Privat

Im Juli 2017 wird Tom Mayer mit seiner Frau Susan nach Deutschland kommen und natürlich auch Hambach besuchen, sich das Geburtshaus seiner Ururgroßmutter anschauen und all die neuen Freunde, die er dank seiner Nachricht an Christoph Rau gefunden hat, endlich persönlich kennenlernen. Verleger Gerd Ohlhauser hat ihm ein Freiexemplar des Photobuchs geschickt, auch mit Wolfgang Schlapp hat er korrespondiert und sogar verwandtschaftliche Bande entdeckt. “Ich bin hoch erfreut, dass Tom Mayer die Heimat  seiner Vorfahren besuchen will”, sagte der Ortsvorsteher; Pläne für einen würdigen Empfang gibt es schon.  Wer mit Tom Mayer Kontakt aufnehmen möchte, darf ihm gern eine Mail schicken an die Adresse maxvonotto@hotmail.com. Und um sich die Vorfreude auf die große Reise zu erhalten,  ist Mayer dabei, seine Deutschkenntnisse aufzufrischen: In der Schule hat er drei Jahre lang die Sprache gelernt: “Ich war damals sehr gut”, schrieb er, “und habe tatsächlich noch einiges davon behalten.”

Tom Mayer wurde 1955 in einem kleinen evangelischen Krankenhaus in Williamsburg, einem New Yorker Viertel im Stadtteil Brooklyn, geboren. Zwei Jahre später zog seine Familie nach Seaford, einem 15.000-Einwohner-Städtchen auf Long Island im Nassau County im Bundessstaat New York. Mit 17 lernet er in der Schule Susan McMullen kennen, beide heirateten drei Jahre später und feierten im Vorjahr ihren 40. Hochzeitstag. Tom und Susan haben zwei Kinder, Tracy (38) und James (36) sowie zwei Enkel, Gianna (16 Monate) und Grace (sechs Monate).

Wie sich Tom Mayer erinnert, waren in seiner Kindheit in den sechziger Jahren in Seaford viele der Nachbarn Deutsche. So manches Wochenende kamen sie im Mayerschen Haus zusammen, um bei Wurst, Brot und Musik aus der alten Heimat so manche vergnügliche Geschichte wieder aufzuwärmen. Zu besonderen Gelegenheiten bereitete Toms Mutter Sauerbraten mit Kartoffelklößen, Rotkohl und einer “wunderbaren Soße” zu, von der Tom noch heute schwärmt. Sein Vater arbeitete für eine deutsche Bäckereikette (“Koster’s Bakery”) in Brooklyn, die Bauernbrot, Pumpernickel und andere Spezialitäten herstellte. Der Vater fuhr einen Lieferwagen und brachte die Backwaren zu Geschäften in Brooklyn.

“Ich hätte damals besser zuhören sollen, was sich meine Eltern erzählten”, bedauert er im nachhinein. Denn als er 2010, nach dem Tod seiner Mutter, ihren Nachlass durchging, fand er auch den Pass, Aufzeichnungen und Fotos von seiner Großtante Katherine Mayer und musste feststellen, dass er eigentlich nicht allzuviel wusste über seine deutschen Vorfahren – sein Interesse an der Ahnenforschung war erwacht.

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Einsatzwagen von Tom Mayer und Partner James DeDonato in der Sanitätseinheit 58 der Feuerwehr Brooklyn. Foto: Privat

Zu der Zeit war Tom Mayer schon seit sieben Jahren im Ruhestand. Er hatte mit 18 Jahren eine Ausbildung zum Rettungssanitäter begonnen, sich später zum  Notfallsanitäter weitergebildet und arbeitete von 1989 bis 1996 für den New Yorker Rettungsdienst, der danach der New Yorker Feuerwehr übertragen wurde. Am 11. September 2001 war Tom Mayer nur einen Block entfernt vom Nordturm des World Trade Centers dazu eingeteilt, die Opfer nach dem Grad ihrer Verletzungen zu begutachten (Triage), als auch der Südturm in sich zusammenstürzte. Das schreckliche Getöse, die Rauchwolken und herumfliegenden Trümmer wird er nie vergessen: “Es war ein grauenhafter, ein tragischer Tag.”

Im Januar 2003 quittierte Tom seinen Dienst im Fire Department. “Nach fast 30 Jahren auf den Straßen von New York waren meine Knie nicht mehr in Ordnung, und einen Schreibtischjob wollte ich nicht”, schreibt er. “Jetzt fahre ich einen Schulbus für autistische Kinder – so kann ich immer noch für die Menschen da sein.”

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Ehrenmedaille, verliehen von der Feuerwehr New York in Würdigung des Einsatzes am 11. September 2001 und an den Tagen danach. Foto: Privat

Autorin und Copyright: Sigrid Jahn, Heppenheim, E-Mail: mail@sjahn.de
Copyright der Fotos im Artikel: Tom Mayer, Seaford, E-Mail: maxvonotto@hotmail.com

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